TEXT 61 Digitales Lesen II
Die spezifische Hypertextstruktur des Internet bringt eine grundlegend andere Form des Lesens mit sich. Das klassische Buch steht für sequentielles Lesen, d.h. der Text wird linear als Ganzes gelesen, der Autor führt den Leser gleichsam durch den Text, Sinnzusammenhänge werden durch den Verfasser nahegelegt. Demgegenüber steht die "nicht-lineare Hypertextualität" des Web, die punktuelles Lesen nach sich zieht, der Text wird selektiv und sprunghaft gelesen.
Die Sorge um die Lesekompetenz der Jugend fußt meist auf dem Umstand bzw. der Annahme, dass sich digitales Lesen von der Lektüre gedruckter Texte wesentlich unterscheidet. "Gefahr durch Links" wittert der Pädagoge Reinhard Lindenhahn: Der unerfahrene Jugendliche könne sich sehr leicht in den Untiefen des WorldWideWeb "verirren". Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf fürchtet den Effekt, der schon Sokrates Sorgen machte: Das Internet verführe uns dazu, zu glauben, wir wüssten etwas – dabei stünden wir doch erst am Anfang des Erkenntnisprozesses. Kritisches und "tiefes" Lesen würden Kinder nur mit gedruckten Büchern lernen, glaubt Wolf.
Die Sonderauswertung einer Studie "Lesen im elektronischen Zeitalter" legt jedenfalls nahe, dass Lesekompetenz unabhängig vom Trägermedium erworben wird1. Je besser die jugendlichen Probanden gedruckte Werke verstanden, desto besser verstanden sie auch digitale Texte. Die "Front" verläuft also womöglich nicht zwischen analog und digital, sondern zwischen Lesen und Nichtlesen. In anderen Worten: Wer gerne liest, tut das auf unterschiedlichsten Medien, dem gedruckten Buch, dem E-Book-Reader oder dem Smartphone.
Der Medienwandel ist nicht zuletzt von großer Relevanz für Bibliotheken und deren Zugang zu Leseförderung. BibliothekarInnen sind gut beraten, digitales Lesen nicht als Konkurrenz zum "wertvollen" Lesen klassischer Printtexte, sondern als sinnvolles komplementäres Angebot zu sehen. Gerade für "leseferne" Jugendliche ist der E-Reader die attraktivere Alternative zum oft als altmodisch empfundenen Buch2. Die einschlägigen Maßnahmen (nicht nur) Öffentlicher Bibliotheken müssen sich digitaler Trägermedien und Lesestoffe bedienen, wenn sie die junge Mediengeneration erreichen wollen.
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1Simone C. Ehmig, Lukas Heymann: Die Zukunft des Lesens, S. 258. In: Christine Grond-Rigler, Wolfgang Straub (Hg.): Literatur und Digitalisierung. De Gruyter, Berlin/Boston 2013.
2 Ebd. S. 259.
Mark the correct meaning of the vocabulary.
1. The phrase bringt eine grundlegend andere Form ....mit sich means in the context of this text: brings with it a fundamentally different shape
2. ...der Autor führt den Leser gleichsam durch den Text..., gleichsam means in this this context: so to speak
3. Verfasser is synonymous with author and means: writer
4. The phrase Sinnzusammenhänge werden..... nahegelegt means in the context of this text:contexts of meaning are suggested
5. Demgegenüber steht die "nicht-lineare Hypertextualität", demgegenüber steht means:in contrast to this stands
6. ..., die punktuelles Lesen nach sich zieht, nach sich ziehen means in the context of this text:to pull along
7. The term sprunghaft lesen means in the context of this text:scattered reading
8. The term Die Sorge .... fußt meist auf....means in the context of this text:The concern .... is mostly based on
9. The noun Unterschied means difference. The corresponding verb unterscheiden means: to differ
10. The verb wittern means in this context: to sense
11. erfahren means experienced. What does unerfahren mean? inexperienced
12. The phrase sich leicht in den Untiefen ..."verirren" means in the context of this text: to get lost easily in the depths…
13. abhängig von means dependent on and unabhängig von means: independent of
14. The term nicht zuletzt means in the context of this text: finally
15. gut beraten means: well advised
16. The term "leseferne" Jugendliche refers in the context of this text to adolescents who generally don’t read a lot
17. altmodisch empfunden means in the context of this text: felt old-fashion
18. The term Die einschlägigen Maßnahmen means in the context of this text: the relevant measures
19. sich digitaler Trägermedien und Lesestoffe bedienen, sich bedienen means in the context of this text: to make use of